
In der Folge brach im arabischsprachigen Internet ein Sturm der Wut und Entrüstung über die Tweets des jungen Mannes aus. Als Kaschgari erkannt hatte, welche Gefahr vom Zorn seiner Glaubensbrüder und Glaubenschwestern ausging, floh er nach Malaysia. Offenbar wollte er von dort aus nach Neuseeland weiterfliegen. Die Behörden in Kuala Lumpur nahmen ihn jedoch bald nach der Ankunft fest und lieferten ihn an Saudi-Arabien aus, wo er in der Zwischenzeit mit Haftbefehl gesucht wurde.
In seiner Heimat droht ihm wegen seiner drei verhängnisvollen Tweets nun die Todesstrafe.
Kaschgaris Gegner auf Facebook haben ihr Urteil ohnehin schon längst gefällt. Sie bezeichnen ihn als "Feind des Propheten" und zeigen dazu das Bild des jungen Mannes, der im Höllenfeuer schmort. User "Abu Amani" postete eine Fotomontage, bei der das Schwert des Henkers bereits an Kaschgaris Hals angelegt ist. Andere haben dem Porträt des Bloggers Schweinsnasen und -ohren verpasst und sein Konterfei inmitten einer Schweineherde gesetzt. Dazwischen werden immer wieder angeblich überlieferte Aussprüche des Propheten zitiert, mit denen die Tötung von Apostaten gerechtfertigt werden soll. Die Botschaft dahinter: Hamsa Kaschgari ist kein Muslim mehr, sondern ein schmutziger Ungläubiger, der es verdient zu sterben.
Die Hetzer nehmen schon die nächsten Opfer ins Visier
Damit die Hetzjagd gegen den Journalisten so abläuft, wie es sich die Initiatoren vorstellen, hat Saud Bin Mohamed, einer der Gruppen-Verantwortlichen, zehn Regeln aufgestellt: Unter anderem ist es verboten, Mitgefühl mit Hamsa Kaschgari zu äußern, denn es sei das Ziel "einen fairen Prozess zu fordern und nicht, ihn zu verteidigen". Außerdem kündigt Bin Mohamed an, dass sich die Kampagne nicht auf Kaschgari beschränken werde. Die ersten Stimmen fordern schon, dass die Namen anderer angeblicher Ketzer in den Gruppentitel aufgenommen werden, die ebenfalls bestraft werden müssten.
Denn längst richtet sich der Hass der selbsternannten Prophetenverteidiger nicht mehr nur gegen den Journalisten, sondern auch gegen seine angeblichen Unterstützer. Mitglieder der Facebook-Gruppe erstellen schon eine "Liste der Liberalen und Apostaten", auf die unter anderem Muslime gesetzt werden, die öffentlich Verständnis für Kaschgari äußern oder seine Gegner zur Mäßigung aufrufen. Auch sie müssten sich schon bald für ihr Handeln vor Scharia-Gerichten verantworten, so die Forderung bei Facebook." Schreibt der Spiegel
Amnesty International ruft zu einer URGENT ACTION auf.
Allerdings bezweifle ich sehr, dass unsere lokalen Erlanger Islamophobiejäger_Innen
und Dialogsucher_Innen groß beeindruckt sind. Ihr stetes Argument der islamistischen "Einzelfälle" und "Das ist nicht der wahre Islam, weil Islam Frieden bedeutet", wird aber allein durch die schiere Masse an moslemischem Lynchmob ad absurdum geführt.
Adonis, der größte arabische Dichter der Gegenwart, über die drohende Machtübernahme radikaler Islamisten in seiner Heimat Syrien, die heuchlerische Politik des Westens und die triste Bilanz des arabischen Frühlings.
Homs ist eine Geisterstadt, berichten Augenzeugen. Die syrische Protesthochburg wird seit dem 4. Februar permanent von den Truppen des Assad-Regimes bombardiert. Hunderte Zivilisten fanden in der vergangenen Woche im Raketenhagel der syrischen Armee den Tod. Allein am vergangenen Donnerstag waren es 136. Und es werden von Tag zu Tag mehr. Die internationale Diplomatie sucht, nachdem Russland und China eine scharfe UN-Resolution gegen Assads blutige Repression blockiert haben, verzweifelt nach geeigneten Mitteln, den Druck auf das Regime in Damaskus zu erhöhen.
Während sich die Situation in Syrien dramatisch zuspitzt, traf profil Dienstag vergangener Woche Adonis, den gefeierten syrischen Dichter, um seine Sicht der Entwicklung in seiner Heimat zu erfragen. Der 82-jährige arabische Poet, der seit Jahren als Favorit für den Literaturnobelpreis gehandelt wird, empfängt uns in den Mosaic Rooms in Kensington, London, wo er gerade einige seiner abstrakten Gemälde ausstellt. Seine politischen Sorgen sind konkret. Sie drehen sich aber weniger um das aktuelle Wüten der syrischen Diktatur. Er fürchtet eher eine Zukunft, in der die islamischen Fundamentalisten – nicht nur in seiner Heimat, sondern in der ganzen arabischen Welt – die Macht ergreifen: einen „Rückfall ins Mittelalter“.
Der unbestritten bedeutendste lebende Dichter arabischer Sprache hatte noch zu Beginn der Aufstände in Ägypten und Tunesien vergangenes Jahr „kleine Gedichte der Freude und des Glücks“ geschrieben, hat sich inzwischen aber zu einem scharfen Kritiker des arabischen Frühlings entwickelt. „Ich kann nicht an einer Revolution teilnehmen, die aus den Moscheen kommt“, sagt Adonis.
Er wurde als Ali Ahmad Said Esber 1930 in einem Bergdorf in Westsyrien geboren – dort, wo die Alawiten zu Hause sind, jene schiitische Sekte, der auch Assad und die führenden Personen seines Regimes angehören. Adonis ist der Sohn von Bauern. Mit 17 nahm er den Namen des griechischen Fruchtbarkeitsgottes an. Nach einem halben Jahr Gefängnis im Jahr 1956 wegen oppositioneller Aktivitäten ging er ins Exil, zuerst in den Libanon, 1980 nach Frankreich. Der Mann, der in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die arabische Dichtkunst revolutionierte und vom Schriftsteller V. S. Naipaul als „Meister unserer Zeit“ gepriesen wird, ist ein engagierter Kämpfer für eine säkulare Entwicklung der arabischen Welt. International vielfach ausgezeichnet, wurde Adonis vergangenes Jahr der Goethe-Preis verliehen.
Adonis lebt in Paris, ist mit der Literaturkritikerin Khalida Said verheiratet und hat zwei Töchter. Seine 107 Jahre alte Mutter lebt in Syrien.
profil: Die Ereignisse in Syrien beschleunigen sich. Bis vor Kurzem fürchtete man, ein Bürgerkrieg könnte ausbrechen. Jetzt hat man den Eindruck, der Bürgerkrieg ist schon da.
Adonis: Nein, ausgebrochen ist er noch nicht. Aber er kann kommen – und das wäre eine absolute Katastrophe. In Syrien selbst ist das Regime stärker als die Opposition. Aber das kann sich alles ändern, wenn Geld und Waffen ins Land kommen.
profil: Die Rebellion gegen das Regime hat doch einiges in Bewegung gebracht.
Adonis: Für mich war diese Rebellion der Jugend in der ganzen arabischen Welt außergewöhnlich. Wie sie alles organisiert und sich artikuliert hat, beeindruckte mich überaus. Es ist die arabische Jugend, die diesen Frühling möglich gemacht hat, und es ist das erste Mal, dass die Araber den Westen nicht imitieren. Aber unglücklicherweise bestimmt die Jugend nicht die Realität, wie sich auch in Ägypten und Tunesien zeigt. Es sind die Fundamentalisten, die Religiösen, die mit Unterstützung aus dem Ausland die Situation von heute beherrschen. Sie haben die Früchte der Revolution.
profil: Ihre Bilanz, die Sie ein Jahr nach Ausbruch des arabischen Frühlings ziehen, ist also nicht sehr positiv.
Adonis: Möglichkeiten sind vorhanden, gewiss. Aber praktisch kann man keine positive Bilanz ziehen. Nehmen Sie Tunesien. Das Land ist heute hinter Habib Bourguiba (erster tunesischer Präsident, von 1957 bis 1987, Anm.) zurückgefallen. Das Bourguiba-Regime war laizistisch. Und jetzt wird das Land islamisch regiert.
profil: Zeichnet sich hier nicht eine widersprüchliche Entwicklung ab? Auf der einen Seite gewinnt die Religion in den arabischen Gesellschaften seit zwei, drei Jahrzehnten immer mehr an Einfluss. Andererseits war die arabische Revolution des vergangenen Jahrs in ihrem Anfang klar säkular, ohne Bezugnahme auf den Islam.
Adonis: Die Jugend ist eine Stimme, eine Wut, ein Wille. Aber sie ist gespalten, hat keine Ideologie und ist schwach. Sie kennen ja die Linke im Westen: Sie ist auch immer gespalten. Ernsthaft organisiert sind in den arabischen Ländern nur die Fundamentalisten.
profil: Aber bitte! Die Menschen, die heute in Homs und Hama auf der Straße demonstrieren und massakriert werden, sind doch keine Islamisten.
Adonis: Woher wissen Sie das?
profil: Alle Korrespondenten berichten das. Al Jazeera auch.
Adonis: Und das glauben Sie? Die überwältigende Mehrheit der Oppositionellen sind Fundamentalisten. Ich bin radikal gegen das Regime, aber ich unterstütze auch nicht die Opposition. Denn ich will mich nicht an einem Übergang von einer Militärdiktatur zu einer religiösen Diktatur beteiligen.
profil: Aber ist das wirklich ein realistisches Szenario? Ist es etwa in Ägypten vorstellbar, dass sich eine Theokratie nach dem Vorbild des Khomeinismus oder eine Art Kalifat etabliert?
Adonis: Ein Kalifat wäre gar nicht nötig. Die religiöse Tendenz genügt. Das ist jedenfalls eine historische Regression. Damit will ich nichts zu tun haben. Die Revolution in der arabischen Welt – die auf allen Ebenen dem Mittelalter näher ist als der modernen Zeit – hat keine Chance, wenn sie nicht laizistisch ist. Wenn wir nicht Religion und Staat trennen, wenn wir nicht den Frauen volle Gleichberechtigung geben und uns nicht von den Scharia-Gesetzen befreien, werden wir nur eine Despotie durch eine andere ersetzen. Die Militärdiktatur kontrolliert das Denken. Aber die religiöse Diktatur kontrolliert das Denken und auch den Körper, die Sprache und den Alltag. Das ist die totale Diktatur.
profil: Die Ägypter hatten nun das erste Mal die Möglichkeit, frei ihre Stimme abzugeben.
Adonis: Stimmt. Aber sehen Sie: Die Fundamentalisten haben fast drei Viertel der Stimmen bekommen. In diesem Fall ist die Demokratie kein Kriterium des Fortschritts. Daher muss die Demokratie überdacht werden. Auch Hitler ist durch Wahlen an die Macht gekommen. Was ist das für eine Demokratie?, frage ich Sie. Ich bin natürlich ein Demokrat. Die Islamisten haben gewonnen, ich muss das akzeptieren. Aber ich werde doch nie auf ihrer Seite stehen.
profil: Also meinen Sie, dass so etwas wie ein Islamofaschismus droht?
Adonis: Genau das. Das heißt natürlich nicht, dass die aktuellen Diktaturen bleiben sollen. Man muss sie stürzen. Das ist für mich absolut klar. Aber man muss auch fragen: Welches Regime ersetzt das alte Regime? Man kann zudem Syrien nicht isoliert betrachten. Man darf nicht vergessen, dass es in dieser Region einen Staat gibt, der die Religion als Grundlage hat: Israel. Wir brauchen nicht noch andere religiöse Regime bei uns.
profil: Also, was muss getan werden?
Adonis: Das Volk muss seinen Kampf fortsetzen – aber ohne religiöse Ideologie. Es muss bereit sein, für die Freiheit zu sterben. Aber ich bin nicht einverstanden mit dieser Art des Kampfs.
profil: Wie meinen Sie das?
Adonis: Es geht doch nicht an, dass man den Westen auffordert zu helfen. Das Volk kann nicht die Amerikaner, die Franzosen, die Türken bitten, es zu befreien – oder die Saudis: Die müssen sich selbst von einem furchtbaren Regime befreien. Das alles ist doch ein unwürdiges und erbärmliches Schauspiel.
profil: Sie sind also gegen eine Intervention von außen.
Adonis: Ja, vor allem gegen eine militärische. Der Ruf aus arabischen Ländern nach Intervention ist absolut falsch. Wie können die Fundamente eines Staats gelegt werden mit der Hilfe der gleichen Leute, die vorher diese Länder kolonisiert haben? Wenn der Westen unbedingt die Araber befreien will, dann soll er doch mit den Palästinensern beginnen. Dann soll er etwas für dieses Volk tun, das seit 50 Jahren systematisch unterdrückt und zerstört wird. Da darf man nicht heucheln.
profil: Russland und China haben im UN-Sicherheitsrat eine scharfe Resolution gegen das Assad-Regime blockiert. Was sagen Sie dazu?
Adonis: Sie folgen damit nur ihren Interessen, so wie die Amerikaner auch. Das ist ja das Problem. Die Amerikaner haben ihre Bündnispartner in Saudi-Arabien, Katar und Israel. Warum sollen die Russen nicht ebenso Interessenpolitik betreiben?
profil: In Syrien werden die Menschen jetzt zu Tausenden erschossen. Und die Opposition bittet um Hilfe.
Adonis: Sie müssen verstehen: Die Rebellion in Syrien ist nur punktuell – in Hama, in Homs, in Gebieten an der türkischen Grenze. Aber die syrische Gesellschaft als Ganzes hat sich nicht bewegt. Was ist mit Damaskus, was mit Aleppo, mit Latakia? In den Zentren des Landes ist es ruhig. Bewegte sich die syrische Gesellschaft so wie jene im Jemen, ja, dann würde das alles ändern.
profil: Syrische Soldaten desertieren, es hat sich eine Freie Syrische Armee gebildet, die gegen das Regime kämpft …
Adonis: Das ist doch nur Propaganda-Blabla. Wenn das tatsächlich wahr wäre, wenn wirklich höhere Offiziere die Fronten wechselten, dann wäre das wirklich das Ende des Regimes.
profil: Haben Sie Kontakt mit der syrischen Opposition?
Adonis: Welche Opposition? Es gibt viele Oppositionen: jene, die mit der Türkei verbündet ist, jene in anderen westlichen Ländern und unterschiedliche Gruppen im Inneren des Landes. Jeder singt seine eigene Melodie. Ich wäre jedenfalls eher auf der Seite der inneren Opposition. Aber wissen Sie, da geht es um Machtwechsel. Nur, die Macht interessiert mich nicht. Mir geht es um die Veränderung der Gesellschaft. Der Westen sorgt sich nicht wirklich um die arabische Welt. Wir erleben einen Konflikt zwischen dem Westen und dem Osten, hier handelt es sich um Machtpolitik. Es gibt eine Achse Iran–Syrien–Hisbollah. Diese Achse muss zerbrochen werden. Damit bin ich einverstanden. Aber man kann doch nicht ein Volk, ein Land, eine ganze Zivilisation zerstören. Man muss andere Mittel finden.
profil: Welche Mittel?
Adonis: Das weiß ich nicht. Ich bin kein Politiker. Aber sicherlich sind die Mittel, die im Irak angewandt wurden, die falschen. Das Land ist zerstört. Dasselbe will man nun mit Syrien machen. Früher finanzierten die Amerikaner die Fundamentalisten – wie etwa in Afghanistan. Dann wurden die einst als Freiheitskämpfer Hochgelobten zu bösen Terroristen. Und jetzt kehrt man wieder zur Unterstützung der Islamisten zurück.
profil: Die Muslimbrüder vertreten doch eher einen moderaten Islam.
Adonis: Es gibt keinen moderaten Islam. Moderate Muslime, ja, aber einen moderaten Islam? Nein.
profil: Ist das nicht die Frage der Interpretation des Korans?
Adonis: Wenn der Westen einen moderaten Islam braucht, dann kann er doch in Saudi-Arabien beginnen. Ich bin gegen die amerikanische, ich bin gegen die westliche Politik gegenüber der arabischen Welt. Ich kann und will deren Logik nicht folgen. Nein, die Muslimbrüder sind Faschisten, pure Faschisten. Es ist doch absurd: Vor etwa 200 Jahren öffnete Muhammed Ali Pascha (Vizekönig von Ägypten von 1805 bis 1848, Anm.) Ägypten zur Moderne. Und jetzt schließt das Land, mit den Muslimbrüdern an der Macht, wieder die Türen.
profil: Wo sind aber die realen Kräfte in der arabischen Welt, die Ihren Ideen folgen?
Adonis: Hervorragende Maler, Dichter, Künstler denken so wie ich. Das sind Individuen. Die arabischen Kollektivitäten sind aber von der Religion erfasst.
profil: Also ist in Ihren Augen die arabische Welt verloren?
Adonis: Ja.
profil: Es ist doch erstaunlich, dass der größte lebende arabische Dichter ein Jahr nach Beginn des so genannten Erwachens davon spricht, dass die arabische Welt verloren ist.
Adonis: Besser verloren, als mit religiösen Diktaturen konfrontiert zu sein.

Ein Krieg, keine Resolution und die Friedensnobelpreisträgerin
Wenn Claudia Roth so richtig begeistert ist
Montag, 6. Februar 2012. Claudia Roth ist begeistert. Gewiss, alle – oder jedenfalls fast alle – sind begeistert. Aber niemand kann es so schön zeigen wie die Vorsitzende der grünen Partei in Deutschland. Also die Co-Vorsitzende, genau genommen. Bei den Grünen sind die Chefposten ja, wie Sie wissen, immer doppelt besetzt – immer eine Frau und ein Mann, immer einmal rechts und einmal links. Cem Özdemir könnte sich auch eine Koalition mit der CDU vorstellen, Claudia Roth eher nicht. Claudia ist also links, Cem dagegen ist … Realo. Genau wie der Herr auf dem Foto hinter Frau Roth; das ist der Reinhard Bütikofer.
Der klatscht auch. Nicht ganz so enthusiastisch wie Claudia Roth, aber das ist auch nicht seine Art. Realo – das ist der grüne Parteijargon für „Realpolitiker“. Die Tagung, auf der die beiden Grünen hier applaudieren, ist freilich keine Realo-Tagung, was Sie – mal Nachdenken! – schon daran sehen, dass Claudia dabei ist. Aber ganz abgesehen davon: das ist / war (war ja gestern) echt keine Realo-Tagung. Das war auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Da geht es um, wie der Name schon sagt, Sicherheit – also Militär und so. Also um Verteidigung, Abwehr, Frieden und so.
Und weil es um Frieden geht, haben die Herren der Sicherheitskonferenz die aktuelle Friedensnobelpreisträgerin eingeladen, eine Rede zu reden. Okay, den Friedensnobelpreis müssen sich im Augenblick drei Frauen teilen – kommt einem noch doller vor als bei den Grünen, so etwas kommt aber mitunter auch bei richtigen Nobelpreisen vor. Egal, eine war jedenfalls da, und zwar die Frau Tawakkul Karman. Sie kommt aus dem Jemen und hat – wie übrigens auch ihre beiden afrikanischen Kollegen – den Preis bekommen, weil sie sich so aktiv für die Rechte der Frauen einsetzt. Kein Wunder, dass Claudia Roth da ganz aus dem Häuschen ist!
Die Jungs von der NATO waren freilich auch ganz aus dem Häuschen; denn Tawakkul Karman hat den Russen und Chinesen in ihrer Rede so richtig Gummi gegeben. Karman kritisierte in scharfer Form das Veto Russlands und Chinas im UN-Sicherheitsrat gegen die Syrien-Resolution. Beide Länder seien verantwortlich für die dortigen Massaker – offenbar auch rückwirkend. Begeisterung im Saal, Begeisterung aber auch überall sonst. In der gesamten Presse, in Deutschland, in Europa, in Amerika und in der gesamten arabischen Welt. Dann muss es ja stimmen, was die Frau Karman meint.

Tawakkul Karman auf der Münchner Sicherheitskonferenz
Tawakkul Karman meint, die Teilnehmerstaaten der Münchner Sicherheitskonferenz müssten die syrischen Botschafter ausweisen und die eigenen Botschafter aus Damaskus zurückrufen. Außerdem müssten sie gegen die Gewalt in Syrien „einschreiten“. Das können sie (fast) überall nachlesen; das hat sie gesagt: „einschreiten“. Frau Karman ist – dies nur nebenbei - eine Journalistin, Politikerin und Menschenrechtsaktivistin. Und als solche ein hochrangiges Mitglied der Oppositionspartei Al-Islah, dem jemenitischen Ableger der Muslimbruderschaft.
„Die Muslimbrüder", gerade auch die Kameraden im Jemen, "billigen Selbstmordattentate der Palästinenser gegen Israel, halten Homosexualität für eine Abartigkeit, die ebenso hart bestraft werden muss wie außerehelicher Geschlechtsverkehr, und sie befürworten die Todesstrafe bei einer `Abkehr vom Islam´“, schreibt der Tagesspiegel. „Ihr Chef im Jemen heißt Abdul Majeed al-Zindani. Der wird seit 2004 von den USA als „Specially Designated Global Terrorist“ gesucht. Er soll eng mit Osama bin Laden zusammengearbeitet haben, unter anderem als dessen geistlicher Führer. Und er gilt als Schlüsselfigur von Al Qaida im Jemen.“
Aus demselben Holz geschnitzt wie die jemenitische Opposition gegen die Salih-Diktatur, also irgendwo verortet zwischen Muslimbrüdern, Salafisten und Al Qaida, undurchsichtig finanziert mit Petrodollars von der arabischen Halbinsel, ist auch der Widerstand gegen das Assad-Regime in Syrien. Dort herrscht die Baath-Partei - eine brutale Diktatur, die nicht erst jetzt, sondern auch schon unter dem alten Assad in Bedrängnis ihr wahres Gesicht zu zeigen pflegte. Ein Mörderstaat, der hemmungslos Zivilisten abschlachtet. Westerwelle hat letztlich Recht: die Zeit dieses Regimes ist abgelaufen.
Claudia Roth ist begeistert; alle sind begeistert. Oder jedenfalls fast alle. Die Medien, die Parteien, die Europäer, die Amerikaner, die Araber. Die Russen sind freilich nicht so begeistert; sie sind bis auf die Knochen blamiert. Auch die Mullahs im Iran sind not amused, dass ihr – im Grunde einziger – Bündnispartner über kurz oder lang von der Bildfläche verschwindet. Die Hamas wird ihr Hauptquartier aus Damaskus verlegen müssen, sie ist bereits auf der Suche; allein: die Suche gestaltet sich etwas schwierig. Und für die Hisbollah im Libanon – Schiiten wie ihre iranischen Freunde – ist der absehbare Zusammenbruch des syrischen de-facto-Besatzungsregimes eine Katastrophe.
In Israel will dennoch keine Jubelstimmung darüber aufkommen, dass der ärgste Feind – neben und verbündet mit den Mullahs – vor dem Zusammenbruch steht. Und schon jetzt geht man kein finanzielles Risiko ein, wenn man darauf wettet, dass sich die Begeisterung im Westen über die syrische Opposition in überschaubarer Zeit legen wird. Irgendwann wird vielleicht selbst Claudia Roth erkennen, dass die Frauenrechte bei den Freunden der Friedensnobelpreisträgerin im Namen der Frauenrechte vielleicht doch nicht in ganz so guten Händen sind. Auch die Wette, dass die syrischen Frauen auf jeden Fall die großen Verlierer sein werden, ist ein risikoarmes Engagement.
Es steht außer Frage, dass das Baath-Regime Massaker an der Zivilbevölkerung verübt. Es steht aber ebenso außer Frage, dass Syrische Befreiungsarmee und desertierende Einheiten der regulären Armee massiv im Land militärisch vorgehen, dass also ein Bürgerkrieg bereits im Gange ist. Im Krieg stirbt als erstes die Wahrheit; auffällig ist, dass nicht einmal der Versuch unternommen wird, bei den – regelmäßig aktualisierten – Zahlen der Toten zwischen Zivilisten und bewaffneten Kräften zu unterscheiden. Dies wäre nach allen Regeln geboten; stattdessen darf eine Frau Tawakkul Karman unter großem Applaus Russland für die Toten verantwortlich machen.
Die Propagandamaschine spielt das Lied „Mörderregime gegen Volk“, wobei die Russen zu den Bösen halten, weil sie um einen Absatzmarkt für ihre Waffengeschäfte besorgt sind. Beide Motive dieser Melodie haben etwas für sich; doch Halbwahrheiten sind keine ganzen Wahrheiten. Weder stehen Rüstungsverkäufe im Zentrum aller Erwägungen, noch sind westliche Staaten bislang durch Waffenausfuhrverbote in den arabischen Raum sonderlich aufgefallen. Und was das syrische „Volk“ betrifft, das sich gegen das Assad-Regime wehrt: für die überwältigende Mehrheit der Syrer mag dies zutreffen. Für die sunnitischen Muslime, die etwa 75 Prozent der syrischen Bevölkerung ausmachen (Wikipedia).
Die Alawiten, denen auch die Herrscherfamilie Assad angehört, empfinden freilich anders. Alawiten (oder Nusairier) sehen sich als arabisch stämmige Aleviten - mithin schiitische Muslime, was eine Erklärung für die Bindung des säkularen Regimes an Teheran sein könnte, auf jeden Fall aber die Gegnerschaft zur sunnitischen Bevölkerungsmehrheit begründet. Aleviten selbst leben freilich ebenfalls in Syrien, vor allem unter der kurdischen Bevölkerung. Eine wesentlich größere Gruppe unter den religiösen / ethnischen Minderheiten stellen jedoch die (diversen Konfessionen der) Christen dar. Sämtlichen Gruppen der nationalen Minderheit in Syrien ist gemein, dass sie den Sturz Assads und die darauf folgende Machtübernahme durch den sunnitischen Islamismus fürchten.
Zu Beginn der revolutionären Widerstandsbewegung gegen das Baath-Regime stellten sich alle Minderheiten geschlossen hinter Assad. Je deutlicher sich das Blatt zugunsten der Opposition wendet, desto zurückhaltender werden freilich auch die verschiedenen religiösen und ethnischen Minderheiten. Dennoch: Assad stützt seine Macht nicht nur auf Polizei, Militär, Milizen und Geheimdienste, sondern auch auf rund ein Viertel der Bevölkerung, das nicht ganz zu Unrecht befürchtet, Vieles, wenn nicht Alles, zu verlieren. Dies ist zu berücksichtigen, wenn gefordert wird „einzuschreiten“.
Für das Veto der Russen dürfte das Schicksal ihrer orthodox-christlichen Glaubensbrüder - wenn überhaupt, dann - allenfalls am Rande eine Rolle gespielt haben. So etwa wie das Waffengeschäft. Russland sieht sich selbst als Großmacht und Syrien als einen Nachbarn, mit dem man traditionell „befreundet“ ist, den man folglich nicht der NATO ans Messer liefern darf. Vor einem Jahr hatte sich Russland im UN-Sicherheitsrat bei der Libyen-Resolution enthalten. Sie hatte den Schutz der Zivilbevölkerung legitimiert, ggf. auch den militärischen, etwa durch Einrichtung einer Flugverbotszone.
Wie die NATO diese Resolution „umgesetzt“ hatte, ist bekannt. Sie schritt umgehend ans Werk, mit allen Mitteln – zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft, Gaddafi aus dem Amt zu bomben. Dass nach dieser Erfahrung Russland im „nächsten Fall“ zögern würde, konnte eigentlich niemanden überraschen. Überraschend ist allerdings das Ausmaß der Isolation, der die Russen jetzt ausgesetzt sind. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass sie dies nicht lange werden durchhalten können. Zwei Fragen werden bleiben. 1. Was hat man in Syrien eigentlich vor? So „relativ“ reibungslos wie in Libyen dürfte der Krieg dort nicht zu gewinnen sein. 2. Was bedeutet der Verlauf in Sachen Syrien für das Prozedere in der UNO beim absehbaren Konflikt mit dem Iran?
Quelle: Werner Jurga, 06.02.2012
This is because after images were shown during the conference of what happened in Tunisia, Egypt, Yemen, and Libya, in addition to other pictures aimed at provoking Saudi Arabia, the Gulf States, Jordan, and Morocco; an Iranian youth in the audience suddenly stood and held up a poster with one word written on it, namely “SYRIA?”. In other words: what about Syria? At this point, voices were raised repeating “God, freedom, and Syria!” Of course, this youth was silenced by the conference organizers, and other voices were raised repeating slogans defending the Bashar al-Assad regime. When it was time for Iranian President Mahmoud Ahmadinejad to give his speech, and upon reaching the podium, he told the audience “we must be vigilant: the West is trying to foment sectarian conflict in our societies, as part of their goal of keeping Israel alive.” He added “today Syria, tomorrow your country” i.e. Iran.
Ahmadinejad is linking the safety and security of his own country with that of the Bashar al-Assad regime, not vice versa; for rather than the tyrant of Damascus saying that any threat to the Iranian regime weakens the al-Assad regime, it was Ahmadinejad who said that al-Assad being targeted today would mean Iran being targeted tomorrow. The meaning is clear; Ahmadinejad is well aware that Iran will have no value and role in the region without the subservience of the al-Assad regime; as the Syrian regime has facilitated Iran’s presence in the region, particularly in Lebanon, and this is thanks to Damascus’s support of the Iranian agent Hassan Nasrallah. This is something that has made it easy for Iran and Syria to trade with the Palestinian Cause, and continue their so-called fight against Israel by promoting the “resistance” lie, which is something that has been proven false. This is because this “resistance” is nothing more than an attempt to infiltrate the region on the part of Iran, and its agents like the al-Assad regime and Nasrallah.
Ahmadinejad’s statements that “Today Syria, tomorrow your country” means that he is now well aware that the collapse of the Bashar al-Assad regime will be akin to Iran losing its right hand with regards to foreign policy, which would mean the complete failure of Tehran’s foreign policy since the Khomeinist revolution. This is because Iran has thrown its entire weight behind the sectarian regime in Syria, since the Hafez al-Assad era down to the Bashar al-Assad era today, and Syria has helped Iran to become involved in all Arab files and issues, infiltrating the region, and even recruiting agents there.
Therefore, the collapse of the al-Assad regime means that Iran will have to fall back at home and finally reap what it has sown, which is something that Tehran’s mullahs, and Ahmadinejad, fear. This can be seen in the Iranian president’s warning to the youth to be vigilant and that “today Syria…tomorrow Iran”. This is indeed what is expected, therefore the collapse of the al-Assad regime is something that will benefit everybody.
| @Tariq Alhomayed |
| Tariq Alhomayed is the Editor-in-Chief of Asharq Al-Awsat, the youngest person to be appointed that position. Mr. Alhomayed has an acclaimed and distinguished career as a Journalist and has held many key positions in the field including; Assistant Editor-in-Chief of Asharq Al-Awsat, Managing Editor of Asharq Al-Awsat in Saudi Arabia, Head of Asharq Al-Awsat Newspaper's Bureau-Jeddah, Correspondent for Al - Madina Newspaper in Washington D.C. from 1998 to Aug 2000. Mr. Alhomyed has been a guest analyst and commentator on numerous news and current affair programs including: the BBC, German TV, Al Arabiya, Al- Hurra, LBC and the acclaimed Imad Live’s four-part series on terrorism and reformation in Saudi Arabia. He is also the first Journalist to conduct an interview with Osama Bin Ladin's Mother. Mr. Alhomayed holds a BA degree in Media studies from King Abdul Aziz University in Jeddah, and has also completed his Introductory courses towards a Master’s degree from George Washington University in Washington D.C. He is based in London. |
"Die Rede ist vom Imam der islamischen Gemeinde in Penzberg, Benjamin Idriz, dem der Verfassungsschutz Verdacht erregende Nähe zu radikalen Islam-Gemeinschaften wie Milli-Görüs und der Islamischen Gemeinde Deutschland (IGD) vorwirft. Das Pikante daran: Idriz sieht sich nicht nur zu unrecht verdächtigt, er will mit seinen Bestrebungen gerade diese militanten Islam-Gemeinschaften bekämpfen und wirbt für einen toleranten und demokratienahen Islam. Diesem Zweck soll auch ein von ihm verfolgtes Projekt in München dienen - ein »Zentrum für den Islam in Europa« -, weshalb zu den Unterstützern des Idriz-Projekts auch Münchens Oberbürgermeister Christian Ude gehört.
In Erlangen können sich nicht nur die zahlreichen und durchaus namhaften Mitglieder im FMGE für Idriz’ Anliegen erwärmen, auch der ehemalige Vorsitzende der Islamischen Gemeinde am Erlanger Weg, Habib Lejmi, unterstützt die Einrichtung eines »Zentrums für Islam in Europa«. Er zitiert Studien, wonach »80 Prozent der Muslime, die in Europa leben, einen Islam wollen, der ihrem neuen kulturellen Umfeld entspricht«. Lejmi weiß allerdings auch, dass auch er sich schwer tun wird, für diese Idee zu werben, steht er doch ebenfalls seit Jahren im Verdacht, es mit den Fundamentalisten zu halten - da halfen alle gegenteiligen Versicherungen und die Unterstützung durch Erlanger Prominente nichts, die Lejmi eine »durch und durch demokratische Gesinnung« (so Bürgermeisterin Elisabeth Preuß) bescheinigen."
Nun tauchen weiter Zweifel auf. Report München sendete am 31.01.2012 eine Reportage unter dem Titel "Zweifel an akademischen Titeln: "Imam Benjamin Idriz in Erklärungsnot "
"Prof. Gilles Kepel, Pariser Institut für politische Studien: „Chateau Chinon ist ein Ort, wo sie ein Islamverständnis vermittelt bekommen, das sich von der Tradition der Muslimbrüder, von Hassan El-Banna, Hassan Al-Hudaybi und anderen, ableitet. Sie konzentrieren sich vor allem auf den islamischen Bereich, wo staatlich anerkannte Abschlüsse keine Rolle spielen.“
Natürlich gilt: nicht jeder Absolvent von Chateau Chinon ist ein Islamist." Quelle
Update: Eine Stellungnahme von Benjamin Idriz liegt vor, in der er betont:
"Verschiedene Behauptungen der fraglichen Sendung sind falsch. Die Zielsetzung der Sendung ist insgesamt mehr als befremdlich." -> hier lesen